Meine Berufung - Brief an meinen Exmann

Es sind nun fast 20ig Jahre her, seit wir uns getrennt haben. Wir haben einen wunderbaren Sohn miteinander, durch den wir auch regelmäßig Kontakt gehalten haben. Wir haben in seinem Sinne gehandelt und sind immer friedlich und freundschaftlich miteinander umgegangen. Heute nach all der langen Zeit möchte ich dir danken, danken für den leichten Umgang nach der Trennung, aber auch für die Zeit, die wir zusammen waren. Ich habe erkannt, dass du für mich eigentlich der Lehrmeister ins Sachen Beziehung warst. Lang habe ich dafür gebraucht, aber nun ist es mir so richtig wie Schuppen von den Augen gefallen. Schließlich haben wir uns auch mal geliebt – zumindest ich habe es getan. Aber Liebe allein reichte nicht. Ich dachte mir, wir waren einfach nur zu verschieden, das kann nicht funktionieren. Aber das war ein Irrglaube. Männer und Frauen sind prinzipiell verschieden, dann würde es ja bei niemanden funktionieren. Also kann das nicht der Grund gewesen sein. Aufgrund der Unterschiedlichkeit darf man nicht davon ausgehen,  dass jeder Gefühle und Verhaltensweisen auf die gleiche Art und Weise ausdrückt , wie man es selber machen würde. Das erspart Enttäuschungen, Frust und Streit. So, aber wo liegt denn nun der Hacken, was ist schiefgelaufen? Ich habe viel nachgedacht und reflektiert. Also ich für meinen Teil weiß nun ganz genau was ich falsch gemacht habe. Ich habe mein Leben durch dich definiert. Deine Freunde waren meine Freunde, deine Hobbys, bzw Unternehmungen, die dir Freude machten, habe ich mitgemacht – aber nur damit ich mit dir zusammensein konnte. Ich war quasi dein Anhängsel.  Selbst hatte ich keine Hobbys, kein Netzwerk und konnte auch nicht klar sagen was ich wirklich wollte, geschweige denn wer ich bin und was mich ausmacht.  Ich war zum DU geworden, nicht weil du mich gezwungen hast und auch nicht weil du es wolltest – das habe ich selbst fabriziert, ich war einfach nicht bei mir. Die Folge daraus – ich habe dich erdrückt – kein Wunder, das du ausgebrochen bist. Bildlich stell ich mir das jetzt so vor wie ein Klammeräffchen, das auf deinem Hosenbein hing. Wahnsinn, das muss sehr anstrengend für dich gewesen sein, sorry dafür. Die Trennung war dann natürlich der Horror, ich verlor den Boden unter den Füßen, ich hatte nichts, nicht mal mich selbst. Zum Glück hatte ich in dieser Zeit Unterstützung durch meine Eltern, für die ich sehr dankbar bin. Sie haben mich durch die Finsternis geführt, weil ich selber nicht mehr in der Lage war zu sehen. Die Auseinandersetzung mit mir selbst und die Tatsache, dass ich ein eigenes Leben habe ohne dich, war eine sehr harte, lehrreiche Zeit für mich. Aber eine wichtige Zeit, in der ich mich neu transformieren konnte. 

Seit fast 16 Jahren führe ich mit meinem jetzigen Mann, den ich über alles liebe, die Traumbeziehung, eine Beziehung wie im Bilderbuch. Was aber ist jetzt anders? Fakt ist, wir sind auch verschieden, sehr sogar. Aber diesmal nutzen wir diese Unterschiedlichkeit als Ergänzung. Jeder hat „seins“ aber es gibt auch ein „miteinander“ im ausgewogenen Gleichgewicht. Am meisten hat ihm imponiert das ich  unabhängig war und mit beiden Beinen fest im Leben stand, was ich bis heute beibehalten habe.

Lange Rede kurzer Sinn, aufgrund der Erfahrungen und Erkenntnisse die ich in meinem Leben gewonnen habe, habe ich beschlossen mein Wissen weiterzugeben und den Schwerpunkt meiner Arbeit genau auf diese Themen zu legen. Ich möchte Betroffene coachen und darin unterstützen sich selbst wieder zu finden, Verhaltensweisen erkennen und ändern, die fatal für die Beziehung sind, sowie in Trennungssituationen zu stärken, vergessene Ressourcen aktivieren und Selbstvertrauen aufzubauen, damit sie  ihr Gleichgewicht wieder erlangen und so ihr Leben neu ausrichten können. Aber auch Paare, die daran interessiert sind ihre Beziehung zu verbessern und gemeinsam daran arbeiten wollen.

Ich danke dir dafür, da auch du einen Teil dazu beigetragen hast, dass ich jetzt endlich meinen Weg und somit meine Berufung gefunden habe. 

Thanks :)